Ekstase pur. Ganz Alzey im Ausnahmezustand

• HSV Alzey 2 - TV Nierstein 3 22:22

Ekstase pur. Ganz Alzey im Ausnahmezustand

Die Sonne schickte ihre ersten wärmenden Strahlen bereits wieder in Richtung der Volkerstadt. Ein denkwürdiges Wochenende war längst vorbei, langsam machten sich die ersten Pendler am frühen Montagmorgen wieder auf den Weg zur Arbeit. Zu diesem Zeitpunkt verliesen die letzten Feierbiester der Herren 2 das Lokal eines Alzeyer Nobelasiaten. Dort, erstmals hermetisch von den zahlreichen Paparazzi abgeschirmt, hatte die Security ganze Arbeit geleistet. Ohne Einlasskarte war der Zugang verwehrt, geschlossene Gesellschaft nach einem Spiel für die Annalen des Sports.
Doch wie immer, alles der Reihe nach.
Der Tag der Tage rückte näher. Bereits Anfang 2019 kristallisierte sich heraus, die Partie gegen den TV Nierstein in der Alzeyer Rundsporthalle, könnte über Meistertitel und Aufstieg in der C-Klasse entscheiden. Dort wo die Fußballer von „Ärwehoh“, Hockeyer des „Tehvau“ oder eben befreundete Handballer der gleichen Stadt, vor leeren Rängen ihr Dasein tristen, erlebte das Management der zweiten Herren des HSV Alzey einen nie dagewesenen Ansturm auf die Eintrittskarten. Hinzu kamen zahlreiche Akkreditierungen für Journalisten aus dem In- und Ausland. Der Schwarzmarkt blühte, wohl dem der sich frühzeitig mit Karten eingedeckt hatte, die Partie also lange vor dem Anpfiff restlos AUSVERKAUFT. Die Herren 2 beschlossen aber, auf einer ihrer donnerstäglichen Punktomatrunden, einen Block für die Spieler der Herren 1 freizuhalten. Diese machten von dem generösen Angebot reichlich Gebrauch. Sie sollten eine Begegnung erleben, die ihnen aufzeigte, was mit kontinuierlichem Training möglich ist.
Doch kein Spiel ohne Störfeuer im Vorfeld. Dieses Mal hatte der Verband für reichlich Unruhe gesorgt. Eine unterschriebene Petition aller C-Ligisten ( der HSV Alzey wurde hierbei nicht gefragt ) sorgte für Aufregung. Im Kern ging es darum, dass bei einem eventuellen Aufstieg des HSV Alzey, die Spielklasse ihr absolutes Zugpferd verlieren würde. Die Unterzeichnenden machten dabei deutlich, das ihnen mit dem Aufstieg des HSV Alzey ihre komplette finanzielle Grundlage entzogen würde. „Heimspiele gegen den HSV Alzey sind für uns monetäre Festtage“ war da zu hören. „Deren Fanunterstützung bei Auswärtsspielen deckt unsere Etats durch erwirtschaftete Eintrittsgelder und Essensverkauf zu über 90% „. Ein Aufstieg des HSV Alzey wäre für uns wirtschaftlich nicht kompensierbar, auch unsere Kader kosten Geld“. Der Verband zeigte sich insofern kooperativ das er vorschlug die C-Klasse aufzulösen. Anwesende Vertreter des HSV Alzey, auf einer eiligst einberufenen Sitzung, hörten zu und notierten sich eifrig für und wider. Momentan werden diverse Kompromissvorschläge diskutiert, eine endgültige Lösung jedoch zeichnet sich noch nicht ab.
Die Herren 2 wären nicht die Herren 2, wenn dieser Nebenkriegsschauplatz eine signifikante Störung der Vorbereitung bedeutet hätte. Mit der notwendigen Gelassenheit legte man den Fokus auf das Wesentliche.
Mittlerweile hatte auch der Alzeyer Verkehrsverein die Gunst der Stunde erkannt. Topspiel der Herren 2 in Alzey bedeutet grundsätzlich allgemeiner Ausnahmezustand, um diesen für Alzey positiv zu kanalisieren wurde kurzerhand ein verkaufsoffener Sonntag ausgerufen. Eine famose Idee und Indiz dafür, wenn publikumswirksame Großveranstaltungen anstehen, heißt es zusammen das bestmögliche für die Stadt Alzey zu erreichen. Keinen einzigen Parkplatz gab es ab 13.00 Uhr in der Alzeyer Innenstadt und deren Peripherie mehr, die bestmögliche aller möglichen Win-Win-Situationen war eingetreten.
Die Fanlager beider Parteien hatten da längst ihre Plätze eingenommen und sangen sich warm. Als Schiedsrichter Tim Schott dann mit den beiden Mannschaften zur Platzwahl schritt glich die Alzeyer Rundsporthalle längst einem ohrenbetäubenden Hexenkessel. Sein eigenes Wort zu verstehen, quasi unmöglich, die Fanchoreographie tat ihr Übriges. Riesengroße Fahnen wurden geschwenkt, auf dem extra neu installierten Videowürfel unter der Hallendecke wurden die Highlights der vergangenen Monate noch einmal für Alle optisch dargeboten.
Der Anpfiff, für die Spieler nur unter größten Anstrengungen überhaupt wahrnehmbar, sollte der Start für ein legendäres Spektakel werden. Der HSV ging sofort mit 1:0 in Führung, die Niersteiner intervenierten: „Ging es schon los ?, der Schieri hat doch noch gar nicht angepfiffen“. Über den Hallensprecher mussten die Zuschauer aufgefordert werden „etwas ruhiger“ anzufeuern, ein Novum in der deutschen Sportgeschichte.
Es folgte die Niersteiner Antwort. Der HSV, im Deckungsverbund zu passiv, bekam die geballte Macht des Niersteiner Rückraums nicht in den Griff. Offensichtlich hatten diese auch noch einmal personell nachgelegt, Folge daraus, ein Alzeyer 1:3 Rückstand.
Um jeden Zentimeter Hallenboden wurde nun erbittert gekämpft, der HSV lies sich nicht abschütteln und hatte fast immer eine Antwort parat. Ex-Trainer Schipp erzielte den 4:4 Ausgleich, das ins Traineramt gehobene Nordlicht frohlockte. Während der HSV für seine Torerfolge hart arbeiten musste, erzielten die Gäste ihre Treffer meist ohne große Gegenwehr. Offensichtlich waren die Niersteiner nicht gewillt Staffage für eine eventuelle Meisterschaft des HSV zu werden.
5:7 und 7:9, Clemens Kreisel und Volker Ahr glichen wieder aus. Doch Clemens hatte Luftprobleme, er entschied sich unter Mithilfe des Schiedsrichters 2 Minuten durchzuschnaufen. Nierstein legte das 12:9 vor, die erstmalige 3 Tore-Führung. Die Fans, mitnichten beunruhigt denn sie wussten: konditionell ist das für den HSV-Nachwuchs kein Problem, da hatte der Ex-Coach im Vorfeld die Grundlagen gelegt. Dirk Egner stellte den Anschluss zum 10:12 her, die Gäste konterten sofort zum 13:10, fingen sich aber 3 Sekunden vor der Halbzeitsirene noch eine Zeitstrafe ein. Während der Schiedsrichter auf eine direkte Ausführung des finalen Freiwurfes hinwies, entschied sich das HSV-Team für eine im Training geübte Freiwurfvariante. Gesagt getan, am Ende einer schwindelerregenden Ballstafette gelangte der Ball zu Clemens der keine Probleme hatte zum 11:13 zu vollenden. Das Video hierzu schießt in Youtube gerade durch die Decke, wer es sich also dort noch einmal ansehen will….. .

11:13 also zur Halbzeit, ein Unentschieden musste bis zum Abpfiff mindestens her, denn nur dies bedeutete Meisterschaft und Aufstieg.
Die Fans wussten, das wird noch haarig, die ersten wechselten ihre schweißdurchtränkten T-Shirts.
Auch in Halbzeit 2 startete der HSV erfolgreicher, schaffte schnell den Ausgleich (13:13) und als Nierstein nahezu zeitgleich zwei Zeitstrafen bekam, bestand die Chance auf die Führung. Doch dies gelang nicht, beim 14:14 war Nierstein wieder komplett. Unser Rechtsaußen ( Name der Redaktion bekannt, aber auf dessen ausdrücklichen Wunsch in diesem Spielbericht nicht erwähnt ) ging nach einer „wilden Keilerei“ blutüberströmt vom Platz. Mindestens vier Mal wurde er nach eigener Aussage unfair gebremst, die Niersteiner wussten schon von wo Gefahr drohte….
Das Nordlicht, als Disziplinfanatiker bekannt, nahm den Jungspund sofort vom Feld, wäre nicht nötig gewesen, er wurde eh mit einer Zeitstrafe belegt.
Der HSV jetzt stark beeindruckt. Ohne ihren torgefährlichsten Angreifer auf Rechtsaußen war das quasi so als wenn man eine Rakete ohne Treibstoff zum Mond schickt. Die Gäste witterten nun ihre ultimative Chance und hatten bei eigener 17:14 Führung in der 42. Spielminute alle Trümpfe in der Hand. Auszeit HSV und Festlegung der weiteren Marschroute, sinngemäß wollte man versuchen das Spiel noch zu gewinnen.
Flo Kosiol verkürzte auf 15:17, der Schieri wiederum verkürzte umgehend seine Spielzeit um 2 Minuten. 15:18,16:18, 16:19 wir kamen einfach nicht näher und langsam lief uns auch die Spielzeit davon.
Dirk Egner wurde in den Rückraum beordert, eine gute Entscheidung. Zwei Treffer von ihm zum 18:19 und die Halle stand Kopf. Beim 19:19 von „Schippi“ gab es dann kein Halten mehr, die ersten Böller wurden gezündet.
Auszeit Nierstein und in der Halle war ein Tollhaus, die Sitzplätze hatten längst ausgedient und waren gegen Stehplätze eingetauscht worden.
Die Gäste kamen entschlossen zurück, Ausdruck dieser Entschlossenheit der Treffer zum 19:20, Clemens Kreisel glich sofort aus.
Die 21:20 Führung für den HSV sorgte für hektische Betriebsamkeit auf der Pressetribüne. Mehrere anwesenden Journalisten riefen in ihren Redaktionen an um sich die Titelseiten für ihren Spielbericht sperren/reservieren zu lassen. Dabei verpassten sie den 21:21 Ausgleich und als die Gäste 90 Sekunden vor Ultimo abermals in Führung gingen (21:22) war klar, ein episches Match war gerade auf die Zielgerade eingebogen. Der HSV-Nachwuchs hatte solche Drucksituationen schon zig Mal erlebt, wirkte weder apathisch noch in irgendeiner Weise schockiert, jetzt hieß es einfach die Ruhe bewahren und hoffen das jeder der auf dem Feld befindlichen Spieler seine Aufgabe kannte. Nur ein einziges Mal ging dies in der Vergangenheit schief, der derzeitige König Frank hatte damals in Lerchenberg Dirk Egner mit einem No Look Pass überrascht, das Ergebnis ist vielen treuen Fans sicherlich noch bekannt. Doch der König war jedoch an diesem Tag nicht da, was sollte also schief gehen ?
Zeit von der Uhr nehmen und dann den Spielzug „Irgendeiner wird schon werfen“ kreieren, zur Not ginge auch noch „Hoch und druff“ was aber situativ entschieden werden musste. So wurden dann mehr oder minder druckvolle Pässe gespielt, die die Niersteiner beeindrucken sollten, derweil sich die Hallenuhr immer mehr dem Spielende näherte. Es musste eine Entscheidung her, manchmal ist die Lösung dann doch so naheliegend. Die beiden in Frage kommenden Spielzüge wurden kreativ kombiniert, nachdem die letzten 5 Sekunden angebrochen waren fiel das Los auf Schippi. Er sprang hoch und warf „druff“. Der Ball war im Tor und das Schlusssignal ertönte kurz danach. Im Endergebnis alles also völlig unkompliziert. Den Weg in die eigene Hälfte konnte er nicht mehr antreten, eine Spielertraube begrub ihn unter sich. Auf der Tribüne lagen sich wildfremde Menschen in den Armen, das Spiel war aus.
Noch eine „Humba“ vor der Osttribüne, dann hatte sich auch die Klassenleiterin den Weg auf die Spielfläche ebnen können. Die Meisterehrung fand sogleich in der Halle statt ( Anmerkung der Redaktion: Alzey hat keinen Rathausbalkon ! ), Der „goldene Ball“ ( wohl so eine Art Wanderpokal.. ) wurde eiligst verstaut, die von allen aktuellen und ehemaligen Handballnationalspielern Alzeys unterschriebene Urkunde landete flugs im vereinseigenen Safe.
Noch steht nun der allerletzte ( Heim ) Spieltag gegen den TV Nieder-Olm IV an, die Herren 2 werden annähernd vollzählig vor Ort sein, die Feierlichkeiten gehen nach dem Spiel weiter. Der Dauerkartenverkauf für die nächste Runde startet dabei dieses Jahr später, je nachdem ob der Ausbau der Rundsporthalle noch realisierbar ist, stehen hierzu dann ggf. mehr Karten als in der abgelaufenen Runde zur Verfügung.
Die Akteure werden am kommenden Sonntag ab 15.30 Uhr ( Anpfiff in der RS ) allerdings noch einmal alles in die Waagschale werfen, um sich nicht nachsagen zu lassen, in den Kampf um die internationalen Startplätze ( Berechtigung haben die 5 Erstplatzierten ) durch eine zu laxe Einstellung eingegriffen zu haben.

Für den HSV spielten:
Tor: Jürgen Söhnle und Andreas Büchse
Feld: Lukas Fuchs (1), Christian Schipp (5), Volker Ahr (1), Ein weiterer Rechtsaussen, Markus Frey, Flo Kosiol (2), Ecky Hofrath (6), Clemens Kreisel (3), Michael Müller, Sascha Weinmann, Timo Seibel, Dirk Egner (4)